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28.09.2018

 


Landrat und Kreispräsident erneuern 1991 geschlossene Partnerschaft mit russischem Kreis.
Sie mit Leben zu erfüllen erscheint schwer.

Die Partnerschaft des Kreises Pinneberg mit den Rayon Selenogradsk, dem ehemaligen ostpreußischen Cranz, soll wieder aufleben. So jedenfalls der Plan. Kreispräsident Helmuth Ahrens und Landrat Oliver haben der 32.000-Einwohner-Stadt an der Kurischen Nehrung im russischen Bezirk Kaliningrad (ehemaliges Königsberg) nun einen Spontanbesuch abgestattet, um den Partnerschaftsvertrag aus dem Jahr 1991 zu erneuern. „Wir haben unsere Mission erfüllt und hoffen nun, dass sich der gegenseitige Austausch wieder mit Leben füllt“, sagt Landrat Stolz über das mit dem russischen Kreispräsidenten Sergey Kulakov ausgehandelte Ergebnis.

Vor zwei Jahren, ausgerechnet zum 25-jährigen Bestehen, schien die Partnerschaft am Ende zu sein. Der Verein Selenogradsk-Pinneberg, der Gegenpart des hiesigen Selenogradsk-Vereins von 1995, war von den russischen Behörden verboten und aufgelöst worden. Teilnehmer der vom damaligen Kreispräsidenten Burkhard E. Tiemann angeführte Delegation sprachen von einer „Eiszeit“, die sie an der Ostsee erlebt hätten.

Deshalb zeigt sich Gerhard Kascha, der Zweite Vorsitzende des Vereins, dem 2017 nach 18 Reisen nach Selenogradsk plötzlich das Einreisevisum verweigert wurde, auf Nachfrage skeptisch, ob die Partnerschaft noch Zukunft habe. „Das wird sehr schwierig.“ Die Russen hätten offenbar mehr Interesse daran, auf administrativer Ebene mit dem Kreis Pinneberg zusammenzuarbeiten, weniger an einem menschlichen und gesellschaftlichen Austausch, wie ihn sein Verein jahrzehntelang mit einem regen Schüleraustausch praktizierte.

Russen wollten Verein gern außen vor lassen

Das deckt sich mit Landrat Stolz’ Aussage, dass erst auf sein Drängen hin der Verein Selenogradsk in dem neuen Partnerschaftsprotokoll erwähnt wird – im drittletzten Satz. Demnach erfolge „auf Seiten des Kreises Pinneberg eine Unterstützung durch den Verein Selenogradsk.“ Der Stadtkreis Selenogradsk dagegen benenne seine Ansprechpartner „im Einzelfall“, heißt es in dem vierseitigen Dokument, das in drei Jahren fortgeschrieben werden soll. „Wir wollen den Verein unbedingt in diese Partnerschaft einbinden“, erklärt Stolz. Wie dies geschehen soll, will er demnächst in einem Gespräch mit dem Vorstand um Gabriele und Gerhard Kascha klären.

Stolz erklärt diese aufgetretenen „Dissonanzen“ mit der politischen Großwetterlage und den abgekühlten Beziehungen zwischen Deutschland und Russland einerseits. „Bei uns hat das Ehrenamt einen anderen Stellenwert in der Gesellschaft als in Russland.“ Aber auch die wirtschaftlichen Verhältnisse in Selenogradsk hätten sich erheblich verändert und verbessert. Die Ostseestadt habe sich zu einem hochmodernen, touristisch voll erschlossenen, sehr schönen Badeort mit einer schicken Promenade und einem herrlichen Strand entwickelt. „Die braucht keine medizinischen Hilfsgüter mehr, wie wir es damals 1991 vereinbart haben. Da gibt es keinen Nachholbedarf mehr“, so Stolz. Darum hielte er eine Zusammenarbeit der deutsch-russischen Tourismusverbände für eine gute Idee, die Kontakte unter den Menschen beider Länder zu forcieren.

Auch Gerhard Kascha bestätigt diesen Wandel der einstmals armen Region Kaliningrads. „In Europa gibt es wohl heute keinen schöneren Badeort. In Selenogradsk herrschen Sylter Verhältnisse.“ Reiche Russen aus Moskau hätten sich dort die schönsten Grundstücke gesichert.

Stolz und Ahrens wollen jetzt das weitere Vorgehen zunächst im Ältestenrat des Kreistages mit allen sieben Fraktionschefs besprechen. Ahrens’ Ansprache auf die lange Freundschaft beider Kreise sei bei den russischen Gastgebern „sehr gut angekommen“, die beide Anfang September spontan eingeladen hatten. „Wir haben dann die Chance beim Schopfe gepackt, die Partnerschaft zu erhalten“, erklärt Stolz.

Der Kreisverwaltungschef kann sich auch einen Wissensaustausch zwischen den Verwaltungen gut vorstellen. Auch Ärzte aus Russland könnten hier bei den Regio Kliniken hospitieren und umgekehrt, stellt er sich vor. „Es gibt viele Möglichkeiten zum Dialog.“ Und auch da sei die deutsche Seite nicht unbedingt in der Rolle des Lehrmeisters, wie manche denken könnten. „Die Russen sind schon viel digitaler unterwegs als wir“: sein Eindruck von seiner vierten Reise nach Selenogradsk.

Alles in allem sei dies „ein sehr guter Neubeginn unser Partnerschaft“, ist Landrat Stolz überzeugt. „Die Gastfreundschaft der Russen ist unschlagbar. Sie haben sich sehr gut um uns gekümmert.“ Die Kreis- und Ortspolitik sollte vielleicht diese Partnerschaft auch mit einer Art Denkmal öffentlich untermauern, schlägt er vor. So könnte ein Gebäude oder eine Straße danach benannt werden. „In Selenogradsk gibt es nämlich die Freundschaftsallee als Ausdruck der Verbindung mit Pinneberg.“

Hamburger Abendblatt